Scham und Haltung

Didier Eribon war der Intellektuelle des Jahres 2016. Er steht für eine neue Art politischen Denkens – die Wochenzeitung „Der Freitag“ schreibt:

Didier Eribon besucht Berlin, und alle kommen. Vom Charlottenburger Bildungsbürger über den Neuköllner Hipster bis zum autonomen Aktivisten. Schaubühne, taz-Café, Rosa-Luxemburg-Stiftung und Hebbel am Ufer, vier Veranstaltungen in fünf Tagen, jedes Mal sind die Reihen voll: der Eribon-Effekt.

Aber während sein in Deutschland sehr erfolgreiches Buch Rückkehr nach Reims von dem Zusammenspiel von autobiografischer Erzählung und soziologischer Analyse lebt, versteckt sich der Franzose als Person auf der Bühne lieber hinter dem Habitus des Berufssoziologen. Als Redner ist er zugleich ausschweifend und scheu. Alle Versuche der Moderatoren, ihm packende persönliche Anekdoten zu entreißen – „Wie war Foucault als Mensch? Haben Sie wieder Kontakt zu Ihren Brüdern?“ –, laufen ins Leere. Die Hoffnung, dass hier einer nicht nur aktuelle Konflikte analysiert, sondern sie auch selbst anschaulich verkörpert, wird enttäuscht. Eribon doziert, trägt eben die Thesen aus seinem Buch vor – und verweigert die Rolle des „Leibhaftigen“, die Aufführung des charismatisch herumpolternden Intellektuellen, auf den das Publikum in diesen aufgeheizten Tagen so dringend zu warten scheint.

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